Die integrative Lerntherapie – Therapieform zur Behandlung von Lernstörungen

Darstellung

Zielgruppe

Klassifikation und Diagnostik

Im DSM-V und in den Leitlinien der DGKJP (2015) wird auf das Diskrepanzkriterium bzgl. der Intelligenz verzichtet.Komorbiditäten und Folgeerkrankungen

  • 50% haben LRS und Dyskalkulie gleichzeitig
  • Komorbiditätsrate von 30-70% zwischen ADHS und LRS bzw. Dyskalkulie
  • Sprachentwicklungsstörungen, fein- und grobmotorische Auffälligkeiten
  • Mögliche Folgestörung von Lernstörungen: Depression, Angststörungen und Störungen des Sozialverhaltens, Konzentrationsschwächen, motorische Unruhe, Motivationsverlust oder generelle Schulangst und -unlust

Symptomatik

Hauptmerkmal: bedeutsame Beeinträchtigung des Schriftsprach- bzw. Mathematikerwerbs

LRS

  • Kinder lernen langsamer und oft nur mit Unterstützung
  • oft Probleme beim Erwerb der alphabetischen Strategie wegen geringer phonologischer Bewusstheit
  • hohe Fehlerzahl trotz Übens
  • langsames, lautierendes Lesen

Dyskalkulie

  • Unzureichende Vorläuferfähigkeiten und lückenhaftes Vorwissen erschweren die Entwicklung des Zahl- und Operationsverständnisses und den Aufbau effektiver Rechenstrategien.

Prävalenz und Indikation ( 5-9% LRS, 4-6% Dyskalkulie)

Viele der derzeitigen erwachsenen Analphabeten hatten wahrscheinlich eine Lernstörung.

Simple Nachhilfe hilft hier nicht mehr. Lerntherapie stellt zudem notwendige Voraussetzungen für die gesellschaftliche Teilhabe sicher.

Lerntherapie kann als Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder gelten, insbesondere wenn ihre seelische Gesundheit mind. 6 Monate vom alterstypischen Zustand abweicht und daher ihre gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigt ist bzw. sein wird.

Integrative Lerntherapie

Menschen mit Lernschwierigkeiten haben oft das Kohärenzgefühl verloren (was in der Lerntherapie wieder aufgebaut werden soll) und können sich daher nicht vorstellen, jemals Mathe/Lesen/Schreiben zu lernen. Zudem ist der innere Dialog von Misserfolgserwartungen geprägt, was mittels der Lerntherapie thematisiert werden soll, um Veränderungen darin beim Kind anzuregen.

Lerntherapie kann z.B. in Bezug auf den Teufelskreis Lernstörung als Prozess von einer negativen zu einer positiven Lernstruktur betrachtet werden.

Abbildung 1. Wirkungsgefüge des Lernens nach Betz & Breuninger:
Teufelskreis Lernstörungen (1982)

Anamnese & Therapieplanung

Das hier abgebildete Wirkungsgefüge dient als Instrument zur Bestimmung des Ist-Zustands und Ableitung der Intervention.

Dementsprechend sind Inhalte nicht an Lehrplänen, sondern den individuellen Entwicklungsschritten des Kindes ausgerichtet.

Der lerntherapeutische Prozess

Mittels der systemisch ausgerichteten Kommunikationsbrücken kann der innere Dialog des Kindes beeinflusst werden.

Brücke 1: Beziehung gestalten und intervenieren

Hierbei werden Fehler als Lösungsansätze verstanden und dazu verwendet, die Denkprozesse des Kindes zu verstehen. Außerdem wird Interesse an der Person und nicht nur deren Leistung gezeigt, genauso wie die Stärken und Ressourcen betont werden.

Brücke 2: Einfühlen und Verhalten deuten (der Titel ist selbsterläuternd)

Brücke 3: Lernprozesse gestalten

Da oft Wissengrundlagen fehlen, werden Anknüpfungspunkte hergestellt, um Wissenslücken so weit wie möglich auszuschließen. Dabei werden zum Leistungsstand passende Aufgaben ausgewählt, also weder über-, noch unterfordernd. Trotzdem werden unbekannte Lerninhalte erforscht, wobei die Einwände des Kindes ernst genommen werden. Zudem soll das Kind über das eigene Lernen nachdenken. Aufgaben sollten außerdem lebensnah gestaltet sein.

Brücke 4: Lernprozesse deuten und Lernstand diagnostizieren

Lerntherapie ist gleichzeitig eine fortlaufende Prozessdiagnostik.

Umfeldarbeit

Perspektiven, Verantwortungsbereiche und Ziele werden mit den unterschiedlichen Parteien (Eltern, Lehrern, Therapeuten etc.) vereinbart und aufeinander abgestimmt, was der Transparenz der Förderung und dem Verständnis der Lernstörung dient. Genauso sollen dadurch Schuldzuweisungen beendet und Parteien entlastet werden, wobei Therapeuten eine Brückenfunktion übernehmen. Außerdem ist der Nachteilsausgleich wichtig.

Dokumentation und Evaluation

Therapiedauer – Angaben zur Anamnese – Diagnostik – Angaben zum Therapieverlauf – Entwicklungsberichte, wenn vorhanden – Ergebnisevaluation im Verlauf und am Ende


Quellen:

Bender, F., Brandelik,K., Jeske, K., Lipka, M., Löffler, C., Mannhaupt, G., Naumann, C. L., Nolte, M., Ricken, G., Rosin, H., Scheerer-Neumann, G., von Aster, M. & von Orloff, M. (2017). Die Integrative Lerntherapie – Therapieform zur Behandlung von Lernstörungen. Lernen und Lernstörungen, 6 (2), 65-73. doi: 10.1024/2235-0977/a000167

Betz, D. & Breuninger, H. (1982). Teufelskreis Lernstörungen: Analyse und Therapie einer schulischen Störung. München/Wien/Baltimore: Urban und Schwarzenberg.